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DIENSTAG, 5. JUNI 2018
MOBILE CHURCHES. FOTOGRAFIEN VON ANTON ROLAND LAUB

Berlin, 05. Juni 2018 – In der Kapelle der Versöhnung auf dem Gelände der Gedenkstätte Berliner Mauer zeigt die Sonderausstellung MOBILE CHURCHES vom 5. Juni bis 19. August 2018 Fotografien des rumänischen Fotografen Anton Roland Laub. Die Ausstellung, die zum Programm des diesjährigen Festivals „MakeCity – Festival for Architecture and Urban Alternatives“ gehört, ist bei freiem Eintritt dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 17 Uhr (außer während Gottesdiensten) zu sehen.

Bukarest in den 1980er Jahren. Mehrere Jahre lang wendet Ceaușescu sein Programm der „Systematisierung“ auf die rumänische Hauptstadt an: Ein Drittel des historischen Zentrums wird dem Erdboden gleichgemacht, um imposante Gebäude zu errichten und breite Alleen zu Ehren des Regimes zu ziehen. Trotz besonderer Verbissenheit im Umgang mit den Kirchen bleiben sieben von ihnen verschont, wobei ihnen eine ebenso außergewöhnliche wie absurde Behandlung widerfährt: Sie werden auf Schienen gehoben, versetzt und hinter Wohnblöcken versteckt. Andere Sakralbauten, wie die Große „Polnische“ Synagoge, werden von sozialistischen Plattenbauten verdeckt. Aus dem Stadtbild gelöscht, führen sie fortan ein geheimes Leben in einer verschachtelten Architektur, die die heutige Stadtlandschaft prägt.

Die Ausstellung MOBILE CHURCHES, die aktuelle Fotografien Anton Roland Laubs mit Archivmaterial verbindet, beleuchtet eine wenig bekannte, doch faszinierende politische Stadtgeschichte. Besondere Resonanz erhält die Bilderserie in der Berliner Kapelle der Versöhnung: Die Kapelle wurde auf dem Fundament der ehemaligen evangelischen Versöhnungskirche erbaut, die 1985 vom SED-Regime gesprengt wurde und so das Schicksal vieler Bukarester Kirchen teilt.


Neben den sieben versetzten Kirchen von Bukarest wurden zwanzig weitere Kirchen sowie drei Klöster und drei Synagogen unter dem kommunistischen Regime von Ceaușescu zerstört. Sie teilten so das Schicksal mehrerer Kirchen in der DDR, wie der Versöhnungskirche, der Georgenkirche und der Petrikirche in Berlin-Mitte und anderer etwa in Ost-Berlin, Rostock und Leipzig. Sowohl die Ceaușescu-Diktatur als auch die der SED stellten sich ideologisch und politisch gegen die Kirche. Die Kirchenbauten wurden Opfer der ambitionierten Städteplanung beider Regierungen und deren Anspruch, in das kollektive Gedächtnis ihrer Völker einzugreifen und ihre vertrauten Symbole zu vernichten.

In Bukarest war die Versetzung von Gebäuden auf Schienen eine besonders überraschende Lösung. Durch ein komplexes technisches Verfahren wurden so von 1982 bis 1989 sieben Kirchen gerettet. Doch ist die Absicht der Verbannung dieser Kirchen aus ihrem historischen und kulturellen Umfeld nicht zu übersehen. Indem sie aus ihren räumlichen Zusammenhängen herausgelöst wurden, ist ihnen ihre symbolische Dimension weitgehend abhandengekommen. Andere Sakralbauten wurden zwar nicht versetzt, wie die Große „Polnische“ Synagoge, aber ebenso hinter hohe Wohnblöcke verdrängt.

Aktuelle fotografische Aufnahmen der Kirchen und der Synagoge in Bukarest vermitteln einen vergleichbar trostlosen Aspekt wie Archivfotos der Berliner Versöhnungskirche, welche das zwischen der sogenannten „Grenz-“ und der „Hinterlandmauer“ eingesperrte, 1985 gesprengte Gebäude im Todesstreifen dokumentieren.

Heute sind die Gründe, die zur Zerstörung von Kirchen in der DDR führten, Gegenstand historischer Forschung. In Berlin wurde auf dem Fundament der einstigen Versöhnungskirche eine Kapelle von bescheidenen Proportionen erbaut. In Rumänien dient die Willkür Ceaușescus immer noch als einzige Erklärung für die geopferten Gebäude, während in Bukarest derzeit eine monumentale Kathedrale errichtet wird, die durch ihre Größe mit Ceaușescus pharaonenhaftem Haus der Republik konkurrieren soll, das zuvor die Zerstörung der Stadt gerechtfertigt hatte


Der Fotograf Anton Roland Laub ist in Bukarest geboren und aufgewachsen. Seit 2000 lebt er in Deutschland, wo er an der Neuen Schule für Fotografie und der Kunsthochschule Weissensee in Berlin studiert hat. Die Geschichte von Bukarest – besonders in ihrer Brechung durch das Prisma des Urbanismus – sowie die Stigmata des diktatorischen Regimes von Ceaușescu bilden einen der Schwerpunkte seiner fotografischen Arbeit.

Sonia Voss, Kuratorin und Autorin, lebt in Paris und Berlin. Jüngste Projekte: Anton Roland Laub. Mobile Churches, Rencontres de la Photographie / Nouveau Prix Découverte, Arles 2018 & Église Saint-Germain-des-Prés / Photo Saint-Germain, Paris 2017, Curators’ Choice, Springer Galerie, Berlin 2018, Déjà Vu. Thibault Brunet. Isabelle Le Minh, Kehrer Galerie, Berlin 2018, Sophie Calle. Beau doublé, Monsieur le marquis !, Musée de la Chasse et la Nature, Paris 2017-2018, Josef Koudelka. Invasion/Exiles/Wall, C/O, Berlin 2017, George Shiras. L’Intérieur de la nuit, Musée de la Chasse et la Nature, Paris 2015-2016.


AUSSTELLUNG:
MOBILE CHURCHES. Fotografien von Anton Roland Laub

Im Rahmen des MakeCity Festivals 2018 | Kuratorin: Sonia Voss
Eine Ausstellung der Evangelischen Versöhnungsgemeinde Berlin-Wedding
in Kooperation mit der Stiftung Berliner Mauer und dem Rumänischen Kulturinstitut Berlin
5. Juni – 19. August 2018
geöffnet Di. – So., 10 – 17 Uhr (außer bei Gottesdiensten)
Eintritt frei
Ausstellungseröffnung: Dienstag, 05. Juni 2018, 19.00 Uhr

Kapelle der Versöhnung | Gedenkstätte Berliner Mauer
Bernauer Straße 4, 10115 Berlin

PUBLIKATION:
Anton Roland Laub: Mobile Churches

Herausgegeben von Sonia Voss
Texte von Sonia Voss und Lotte Laub
Gestaltet von Minami Shimakage
Festeinband, 16,5 x 22,7 cm, 144 Seiten, 40 Farb-, 11 Duplex- und 8 S/W-Abbildungen
Kehrer Verlag, Heidelberg
ISBN 978-3-86828-838-4 | 29,00 Euro

PRESSEFOTOS stellen wir auf Anfrage gerne zur Verfügung

KONTAKT Kapelle der Versöhnung / Evangelische Versöhnungsgemeinde:
Rainer Just – Büro / Kultur / Öffentlichkeit
Tel.: 030 / 463 60 34 | E-mail

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