MI, 10.06.2009 - 19:30 UHR
Russland: Macht und Kultur

Vortrag des russischen Philosophen Prof. Michail Ryklin, Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2007.

"Ich bin Philosoph und ich schreibe nicht nur für meine Landsleute und Russlandspezialisten, sondern für ein interessiertes Lesepublikum sowohl in meiner Heimat als auch in anderen Ländern" - sagte Michail Ryklin in seiner Dankesrede, als er 2007 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung für sein Buch "Mit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der gelenkten Demokratie" geehrt wurde. Darin schildert Ryklin, wie im Januar 2003 im Moskauer Sacharow-Zentrum die Kunstausstellung "Achtung, Religion!" verwüstet wurde. Doch nicht die Täter sahen sich öffentlicher Ächtung und juristischer Verfolgung ausgesetzt, sondern die Ausstellungsmacher und Künstler. In einem Aufsehen erregenden Prozess wurden sie der "Beleidigung der religiösen Gefühle des russischen Volkes" angeklagt und mit Lagerhaft bedroht. Michail Ryklin, dessen Frau Anna Altschuk zu den angeklagten Künstlern gehörte, hat das Verfahren im Gerichtssaal beobachtet. Er beschreibt nicht nur die an stalinistische Zeiten erinnernde Ächtung der zeitgenössischen Kunst, antisemitische Pöbeleien, die erstarkende Allianz von russisch-orthodoxer Kirche und Geheimdienst, er beobachtet in seiner Umgebung auch das Schwinden von Zivilcourage, zunehmende Angst und zynische Passivität. Ryklin analysiert die Gefahr eines neuen Totalitarismus russischer Spielart.

Michail Ryklin, 1948 geboren, ist Philosoph, Übersetzer und Publizist. Er gehört zu den renommiertesten Wissenschaftlern Russlands und setzt sich besonders für den philosophischen Dialog mit Westeuropa ein. 1997 edierte er die erste russische Ausgabe des "Moskauer Tagebuchs" von Walter Benjamin. Internationale Bekanntheit erlangte er durch seine Bücher über Michail Bachtin und Fjodor Dostojewskij.
In den 1990er Jahren hatte er Gastprofessuren in Amerika und England und arbeitete bei dem Philosophen Jacques Derrida an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Er ist Mitglied der New Yorker Akademie der Wissenschaften und seit 1995 Korrespondent der europäischen Kulturzeitschrift "Lettre International". Michail Ryklin ist Professor am Institut für Philosophie der Moskauer Akademie der Wissenschaften und Leiter des Fachbereichs "Philosophische Anthropologie". Auf deutsch erschienen zuletzt: "Räume des Jubels. Totalitarismus und Differenz" (2003); "Verschwiegene Grenze. Briefe aus Moskau" (2003); "Mit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der ,gelenkten Demokratie'" (2006), "Dekonstruktion und Destruktion. Gespräche mit Jaques Derrida" (2006), "Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution" (2008).